Bileam oder Balaam ist eine merkwürdige biblische Propheten-Gestalt, schon deswegen, weil er der einzige ausländische Prophet war, der demselben Gott wie das Volk Israel diente.1 Seiner ambivalenten Darstellung im AT2 folgt eine durchgehend negative Bewertung im NT3 – und dennoch wurde eines seiner Orakel zu einer Lieblings-Belegestelle christlicher Verkündigung.
Ich sehe ihn, aber nicht jetzt, ich schaue ihn, aber nicht nahe.
Es tritt hervor ein Stern aus Jakob, und ein Zepter erhebt sich aus Israel
und zerschlägt die Schläfen Moabs und zerschmettert alle Söhne Sets.
Justin von Rom (Dial. 106,4), Irenäus von Lyon (Adv. Haer. III,9,2), Origenes (CC I,59) und Cyprian von Karthago (Ad Quirinium 2,10) – um nur die frühesten Zeugen zu nennen, bezogen diese Worte auf Jesus und sahen sie (ich meine zu Recht) als Hintergrund der Erzählung vom Besuch der Sterndeuter beim Evangelisten Matthäus (Mt 2,1-12).4 Wie konnte dieser Mann, der im NT so schlecht wegkommt, ein so wunderbares Gotteswort von sich geben? Nikolaus machte diese Frage wohl zu schaffen und er gab sich alle Mühe, sie auf der Höhe der theologischen Bildung seiner Zeit zu beantworten. In einer umfangreichen Einleitung zu Num 22 ff. schrieb er daher:
Et quia in sequentibus Balaam dicitur magus et ariolus, et tamen eius prophetie tamquam vere habentur in auctoritate, ideo videndum est si fuerint a Deo vel demone, et de veritate ipsarum. Circa primum sciendum quod propheta dicitur quasi procul fans, quia denuntiat illa que sunt procul ab humana cognitione secundum viam nature (...): et ideo cum angelus, sit sublimioris et altioris nature, eius cognitio ad multa se extendit, ad que non potest humana cognitio attingere : naturalia autem in demonibus remanserunt integra, et ideo eorum cognitio naturalis ad plura se extendit, quam humana. Cognitio autem bonorum angelorum adhuc ad plura se extendit, inquantum sunt illuminati lumine gratie, et divinis revelationibus. Patet igitur quod demones a Deo permissi, possunt hominibus aliquas veritates revelare eis incognitas: tumquia demonum cognitio naturalis ad plura se extendit quam humana, ut dictum est : tum quia secundum Augustinum 2. super Gn. ad litteram, plura de supernaturalibus veritatibus a sanctis angelis, aliquando demonibus revelantur, quas possunt ulterius hominibus revelare a Deo permissi. Cum igitur revelatio fit hominibus per demones, tales dicuntur prophete demonum: cum autem fit a Deo immediate, vel mediantibus angelis sanctis, dicuntur prophete Dei. (Quelle)Und weil Balaam in den folgenden [Versen] Magier (vgl. Num 22,7) und Wahrsager (Num 22,5 Vulg.; Jos 13,22 Vulg.) genannt wird , und dennoch seine Weissagungen als wahre in Ansehen gehalten werden, ist daher zu prüfen, ob sie von Gott oder von einem Dämon stammten, und bezüglich ihrer Wahrheit. Bezüglich des ersten [Untersuchungsgegenstandes] muss man wissen, dass der Prophet angeblich ‚von fern Redender' heißt, weil er die [Dinge] kundtut, die der menschlichen Erkenntnis auf dem natürlichen Weg fern sind (...): Und daher, da ein Engel von erhabenerer und höherer Natur ist, erstreckt sich seine Erkenntnis auf vieles, was die menschliche Erkenntnis nicht erreichen kann. Die natürlichen Fähigkeiten aber blieben in den Dämonen unversehrt, und daher erstreckt sich ihre natürliche Erkenntnis auf mehr als die menschliche. Die Erkenntnis der guten Engel aber erstreckt sich immer noch auf mehr, insofern sie durch das Licht der Gnade und durch göttliche Offenbarungen erleuchtet sind. Es ist also klar, dass Dämonen, von Gott zugelassen, den Menschen gewisse ihnen unbekannte Wahrheiten offenbaren können: weil sich sowohl die natürliche Erkenntnis der Dämonen auf mehr erstreckt als die menschliche, wie gesagt worden ist; als auch weil nach Augustinus im 2. Buch über Genesis ad litteram den Dämonen manchmal von den heiligen Engeln mehrere übernatürliche Wahrheiten geoffenbart werden, die sie dann weiter den Menschen offenbaren können, wenn Gott es zulässt. Wenn also die Offenbarung an die Menschen durch Dämonen geschieht, werden solche ‚Propheten der Dämonen' genannt; wenn sie aber von Gott unmittelbar oder durch Vermittlung heiliger Engel geschieht, werden sie ‚Propheten Gottes' genannt.
Die Etymologie von propheta aus pro (=voraus) und fari (=verkündigen) findet sich schon bei Isidor von Sevilla (Etym. VII,8,1). Bei der Angabe zu Augustinus gehe ich eher vom 12. Buch seines Genesis-Kommentares aus, wo er schreibt:
Sed cum malus in haec arripit spiritus, aut daemoniacos facit, aut arreptitios, aut falsos prophetas: cum autem bonus, fideles mysteria loquentes, aut accedente etiam intelligentia veros prophetas, aut ad tempus quod per eos oportet ostendi, videntes atque narrantes. (De Genesi ad litteram XII,19)Wenn aber ein böser Geist in diesen [die Herrschaft] an sich reißt, macht er entweder Besessene oder Verzückte oder falsche Propheten; wenn aber ein guter, macht er Gläubige, die Geheimnisse verkünden, oder — wenn auch Verständnis hinzutritt — wahre Propheten, oder solche, die für die Zeit, was durch sie gezeigt werden muss, schauen und berichten.
Nikolaus fährt dann in seinem Argumentationsgang fort:
Considerandum etiam quod talis revelatio differt a precedenti, non solum quantum ad causam revelantem, ut dictum est, sed etiam quantum ad formam revelationis : quia revelatio facta a Deo et angelis sanctis nullam falsitatem continet, sed illa que fit a demonibus, frequenter habet admistam falsitatem, quia secundum quod dicitur, Io. 8.f. Ipse demon mendax est, et pater mendacii. Et ideo licet aliquando revelet hominibus aliquas veritates, hoc facit ut efficacius decipiat, ut ex pluribus veritatibus ab eo predictis, postea sibi credatur in falsitate, secundum quod dicitur in Collationibus patrum, collatione 2. abbatis Moysi, quod demon in specie angeli boni cuidam fratri frequenter apparuit, et multas veritates sibi dixit, et quando vidit illum fratrem bene inclinatum ad credendum sibi, tunc ei persuasit ut circumcideretur, et quod aliter non poterat salvari.Es ist auch zu bedenken, dass sich eine solche Offenbarung von der vorgenannten unterscheidet, nicht nur hinsichtlich der offenbarenden Ursache, wie gesagt, sondern auch hinsichtlich der Form der Offenbarung: denn die von Gott und den heiligen Engeln bewirkte Offenbarung enthält keine Falschheit, jene aber, die von Dämonen kommt, hat häufig Falschheit beigemischt, weil, wie Joh 8,44 gesagt wird, der Dämon selbst ein Lügner ist und Vater der Lüge. Und daher, wenn er den Menschen zuweilen gewisse Wahrheiten offenbart, tut er dies, um wirksamer zu täuschen, damit ihm aufgrund der vielen von ihm vorhergesagten Wahrheiten später in der Falschheit geglaubt werde — gemäß dem, was in den Collationes patrum, in der 2. Collatio des Abtes Moses, gesagt wird: dass der Dämon in Gestalt eines guten Engels häufig einem Bruder erschien und ihm viele Wahrheiten sagte, und als er jenen Bruder gutwillig geneigt sah, ihm zu glauben, ihn dann überredete, sich beschneiden zu lassen: dass er auf andere Weise nicht gerettet werden könne.
Erstaunlich finde ich, dass sich Nikolaus hier nicht auf die klassische Stelle 2 Kor 11,14 beruft, nach der der Satan selbst als Engel des Lichts erscheint. Stattdessen fährt er fort (ich habe hier jetzt einige Zeilen ausgelassen):
Descendamus igitur ad propositum, dicendo quod Balaam fuit propheta demonum, quia fuit ariolus et magus, querens revelationes a demonibus. Fuit etiam propheta Domini modo predicto, inquantum alique veritates fuerunt sibi revelate a Deo, licet ab ipso non quereret, sed virtute divina fuit demon prohibitus dare responsum a quo querebat, et sunt sibi revelate veritates a Deo : et compulsus est pronuntiare quod nolebat videlicet sanctitatem et prosperitatem populi Israel, cum tamen contrarium desideraret, ut patebit. et hoc factum est ad commendationem populi Israel, et ad terrorem adversariorum, et ad gloriam Dei principaliter, qui erat ductor illius populi, et ad salutem gentium, que ex prophetis Balaam mote sunt postea ad querendum Christum natum. ut habetur Mt. 2.a. et propter hec et similia, eius prophetie scripte sunt in Canonica scriptura.Kommen wir also zum eigentlichen Thema: Man muss sagen, dass Balaam ein Prophet der Dämonen war, weil er ein Wahrsager und ein Magier gewesen ist, der Offenbarungen von Dämonen suchte. Er war aber auch ein Prophet des Herrn in der zuvor genannten Weise, insofern ihm von Gott gewisse Wahrheiten geoffenbart wurden, obwohl er sie von ihm nicht erfragte; sondern durch göttliche Kraft wurde ein Dämon daran gehindert, eine Antwort zu geben, die er von ihm erfragte, und ihm wurden von Gott Wahrheiten geoffenbart. Und er wurde gezwungen, das auszusprechen, was er nicht wollte, nämlich die Heiligkeit und das Wohlergehen des Volkes Israel, während er doch das Gegenteil begehrte, wie sich zeigen wird. Und dies geschah zur Anerkennung des Volkes Israel, zum Schrecken seiner Feinde, und vor allem zur Verherrlichung Gottes, der Anführer jenes Volkes war, und zum Heil der Völker, die durch die Prophezeiungen Balaams bewogen, später den geborenen Christus zu suchen kamen, wie Mt 2 berichtet. Und wegen dieser und ähnlicher Dinge wurden seine Prophezeiungen in die kanonische Schrift aufgenommen.
Wie kam Nikolaus darauf, dass Bileam zu seiner Prophetie genötigt wurde? Er fand diesen Vorgang in Num 24,13, wo Bileam zu dem ihn beauftragenden König Balak sagt:
si dederit mihi Balac plenam domum suam argenti et auri non potero praeterire sermonem Domini Dei mei ut vel boni quid vel mali proferam ex corde meo sed quicquid Dominus dixerit hoc loquar. (Num 24,13 Vulg.)Wenn Balak mir sein Haus gefüllt mit Silber und Gold geben sollte, werde ich die Rede des Herrn, meines Gottes, nicht übergehen können, sodass ich etwas Gutes oder Schlechtes aus meinem Herzen hervorbringe, sondern alles, was der Herr gesagt hat, das werde ich sprechen. (Ü: Vulgata Deutsch)
Außerdem ist mehrfach die Rede davon, dass Gott dem Bileam ein Wort in den Mund legt, das er dann sprechen muss (Num 22,38; 23,5; 23,16). In dieser schönen Illustration aus der MS Bodliean 270b sieht man diesen Aspekt sehr schön dargestellt, das Bild entstand ein Jahrhundert bevor Nikolaus schrieb.

Die Glossa Ordinaria zog daraus diese Schlussfolgerung:
Si non indignus fuisset, verbum suum Dominus non in ore eius, sed in corde posuisset.Wäre er nicht unwürdig gewesen, hätte der Herr sein Wort nicht in seinen Mund, sondern in sein Herz gelegt.
Ein Blick in die Summa Theologica des Thomas von Aquin zeigt, dass Nikolaus eine ganz ähnliche Position wie Thomas in STh. II-II, q. 172, a. 6 vertrat, mit der gleichen Berufung auf Augustinus.
Fazit
Bileam oder Balaam war eine höchst ambivalente Figur, was sie übrigens für sehr überraschende Deutungen anschlussfähig machen sollte. Dazu an anderer Stelle einmal mehr. Nikolaus bemühte sich nach Kräften, ihre Widersprüchlichkeiten auf einen Nenner zu bringen und bot dafür die besten Quellen auf, die ihm zur Verfügung standen. Trotzdem finde ich das Ergebnis wenig überzeugend. Es dürfte wohl zutreffen, was bereits James Kugel dazu beobachtet hat:
Indeed, it is certainly significant, in the light of wisdom literature's polarized division of humanity into the righteous and the wicked, the wise and the foolish, that a similar polarization takes place in ancient exegesis: biblical heroes are altogether good, with any fault air-brushed away, whereas figures like Esau or Balaam are altogether demonized-as if their neither-good-nor-evil status in the Bible itself was somehow intolerable. (The most persuasive instances of such polarization occur with figures like Lot or Enosh, simultaneously demonized by one group of interpreters while pronounced altogether righteous by another. Apparently they could go one way or another, but not remain in the intolerable ambiguity of the middle.) (James L. Kugel: Traditions of the Bible. A Guide to the Bible As it Was at the Start of the Common Era. Harvard University Press (1998), S. 22)
Kugel verdanke ich auch den Hinweis auf das wunderbare Bild aus der Boleian Library.
„Apparently, uniquely in the Bible, but essential to the story, the foreign prophet recognizes the same Lord as Israel.“ Mary Douglas: In the Wilderness. The Doctrine of Defilement in the Book of Numbers. Oxford University Press (2001) S. 217
Siehe Num 22-24; 31,8(!); Dtn 23,5-6; Jos 13,22; Jos 24,9-10; Neh 13,1-2; Mi 6,5
Siehe 2 Petr 2,15-16; Jud 11; Offb 2,14
Dass Matthäus Num 24,17 nicht als Erfüllungszitat bringt, könnte ein Hinweis sein, dass er die skeptische Haltung Bileam gegenüber teilte.