Bemerkenswert an der Postilla sind auch die Verse, die sie nicht, oder nur unvollständig behandelt. Ein schönes Beispiel finden wir in Num 23,10 – der Text lautet in der masoretischen Fassung der BHS so:

מִי מָנָה עֲפַר יַעֲקֹב וּמִסְפָּר אֶת־רֹבַע יִשְׂרָאֵל תָּמֹת נַפְשִׁי מוֹת יְשָׁרִים וּתְהִי אַחֲרִיתִי כָּמֹֽהוּ׃


Ein Blick auf gängige deutsche Übersetzungen zeigt deutlich, wo das Problem liegt:

Wer zählt Jakobs Menge, zahlreich wie Staub, / wer die Zehntausende Israels? / Oh, könnte ich den Tod der Gerechten sterben / und wäre mein Ende dem seinen gleich. (REÜ)

Wer hätte Jakobs Staub gezählt und wer die Staubwolke Israels? Den Tod der Aufrechten möge ich sterben, und ihm sei mein Ende gleich. (Zürcher)

Wer kann zählen den Staub Jakobs, auch nur den vierten Teil Israels? Meine Seele möge sterben den Tod der Gerechten, und mein Ende werde wie ihr Ende! (Luther 2017)

Was kann hier nicht gezählt werden?

  • die Zehntausenden Israels?
  • die Staubwolke Israels?
  • der vierte Teil Israels?

Die Postilla ist zu dieser Frage keine Hilfe, sie behandelt den ersten Teil des Verses einfach gar nicht, so wie vorher schon die Glossa Ordinaria. Dazu kommt, dass die Vulgata ihrerseits kein „Viertel Israels“ liest, sondern „die Zahl der Nachkommenschaft Israels“ (Zu dieser Lesart später mehr). Die Vetus Latina bietet die Aussage gar nicht, sie dürfte den Kirchenvätern egal gewesen sein.

Vetus Latina
Num 23,10 in der Vetus Latina

Die Antwort auf die Frage nach dem Grund für die unterschiedlichen Übersetzungen entpuppt sich als Lehrstück über grundlegende Fragen der Bibelauslegung.

Was der Text wirklich sagt

Entscheidend ist die Bedeutung von אֶת־רֹבַע יִשְׂרָאֵל. Der Blick in die Lexika offenbart erstaunliches:

  • Der Machberet des Menachem ben Jakob ibn Saruq (ca. 920 - ca. 970) führt unsere Stelle nicht an. (Ausgabe Filipowski S. 161)
  • Johann Buxtorf gibt in seinem Lexicon Hebraicum et Chaldaicum von 1641 die Bedeutung der vierte Teil an und verweist neben unserer Stelle noch auf 2 Kön 6,25.
  • Gesenius-Buhl nennen 1915 ebenfalls 2 Kön 6,25 und führen zu unserer Stelle aus: „liest man gewöhnlich רִבְבוֹת.“ Das ist der Plural von רְבָבָה und bedeutet „riesige Mengen“ oder eben „Zehntausende“. Einem Vorschlag von Friedrich Delitzsch folgend, können sie sich aber auch Getümmel von assyrisch turbu'u vorstellen, damit wären wir bei der Staubwolke. Als weitere Deutung verweisen sie dann noch auf Benno Jacob (ZAW 22,111), der unter Berufung auf den Samaritanus רבוע = Staub lesen wollte – allerdings mit einem Fragezeichen versehen! Ersichtlich ist, dass sie unbedingt von dem „vierten Teil“ wegkommen wollten.
  • Eduard König gibt in seinem Hebräischen und Aramäischen Wörterbuch zum AT von 1922 alle diese Deutungen wieder, präferierte aber aus sprachlichen Gründen das Viertel.
  • Zuletzt nenne ich noch das HALOT von Koehler & Baumgartner. In der Ausgabe von 1958 folgen sie dem Vorschlag von Jacob und geben – dem Samaritanus folgend – Staub als Bedeutung an. 1994 sprechen sie sich – unter Berufung auf die samaritanische Tradition – für the myriads of Israel aus. Und in der englischen Ausgabe von 2001 bevorzugen sie für Num 23,10 die Übersetzung dust-cloud of Israel.

Den Grund für die Ablehnung der Bedeutung vierter Teil Israels wurde von Alfred Guillaume 1962 ganz offen formuliert. Er schrieb zu der Übersetzung


Wer zählt Jakobs Staub und die Anzahl des vierten Teils von Israel?

Es ist seltsam, dass niemand auf die Idee gekommen ist, sich zu fragen, warum eine solch absurde Frage überhaupt gestellt werden sollte.1

Mein Verdacht ist, dass seit dem 19. Jh. aus Unverständnis für den Text die naheliegende und sinnvolle Übersetzung nicht akzeptiert werden konnte, und man darum meinte, den angeblich unverständlichen Wortlaut verbessern zu müssen. Absurd ist in meinen Augen dabei nicht der Text, sondern das Unvermögen, sich auf ihn einzulassen.

Die Krise der Lexika

Ich habe dann begonnen, mich für die Lesart der samaritanischen Tradition zu interessieren. Der Vers lautet im samaritanischen Pentateuch:

מי מנה עפר יעקב
ומי ספר מרבעת ישראל
תמות נפשי מות ישרים
ותהי אחריתי כמהו׃



Wer berechnet Jakobs Staub
und wer zählt Israels Pulver?
Möge meine Seele den Tod Gerechter sterben,
und möge mein Ende sein wie seines.

Koehler/Baumgartner (1994) geben auf S. 1181 den Ausdruck מרבעת als mirre'bat wieder, was sie mit the myriads of Israel übersetzten. (S. 1237)2 Im samaritanischen Targum zu Num 23,10 wiederum findet sich:

מן מני עפר יעקב מניאן מרבע ישראל תמות נפשי מותים משבחים ותהי עקבאיתי כבתה׃


Ich würde das unter Berufung auf das Dictionary of Samaritan Aramaic von Abraham Tal so übersetzen3:


„Wer kann zählen den Staub Jakobs, wer die Anzahl [den minjan] des Pulvers Israels? Meine Seele möge preiswürdige Tode sterben, und mein Ende sei wie das ihre.“ (SamTgJ zu Num 23,10)

Bei Tal ist der fragliche Ausdruck ein hapax legomenon, was die Entscheidung natürlich nochmal erschwert haben dürfte. Alles in allem ergaben sich für mich zwei erste Schlussfolgerungen:

  • Lexika sind keine unfehlbare und nicht mehr hintergehbare Quellen der Information.
  • Bei schwierig scheinenden Aussagen gilt wohl das Pippi Langstrumpf Prinzip: „Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt.“

Warum die Übersetzung „das Viertel Israels“ m. E. richtig ist

Sinnigerweise war es keine Exegetin, die in der Neuzeit die richtige Übersetzung „das Viertel Israels“ wieder stark machte, sondern eine Ethnologin, nämlich Mary Douglas.4 Sie machte darauf aufmerksam, dass die Zahl Vier in Aufbau und Struktur des Buches Numeri eine entscheidende Rolle spielt, man denke nur an die Schilderung des Aufbaus des Lagers des Volkes Israel. Dort sammelt sich Israel unter insgesamt vier Fahnen oder Feldzeichen (דֶּגֶל - Num 2,2-3.10.18.25). Mary Douglas konnte damit eine Erkenntnis aufnehmen, die deutlich älter ist, wie das Targum Onkelos zeigt:

מן ייכול לממני דעדקיא דבית יעקב דאמיר עליהון יסגון כעפרא דארעא או חדא מארבע משריתא דישראל תמות נפשי מותא דקשיטוהי ויהי סופי כותהון׃



Wer vermag zu zählen das Pulver des Hauses Jakob -- denn über sie wird gesagt: sie werden sich vermehren wie der Staub der Erde (Gen 28,14) -- oder eines von vier (= ein Viertel) des Lagers Israels? Möge meine Seele den Tod der Ehrlichen sterben und möge mein Ende sein wie ihres.

Anmerkung: Ich übersetzte דעדקיא mit Jastrow S. 316 als Pulver.

Entscheidend ist, dass das Targum die eindeutige Verlinkung des Prophetenwortes auf Genesis erkannt hat, wo Gott zu Jakob in Bet-El spricht:

וְהָיָה זַרְעֲךָ כַּעֲפַר הָאָרֶץ וּפָרַצְתָּ יָמָּה וָקֵדְמָה וְצָפֹנָה וָנֶגְבָּה וְנִבְרֲכוּ בְךָ כָּל־מִשְׁפְּחֹת הָאֲדָמָה וּבְזַרְעֶֽךָ׃



Und dein Samen wird sein wie der Staub der Erde, und du wirst durchbrechen zum Meer und nach Osten und nach Norden und nach Süden und in dir werden sich segnen (oder: werden gesegnet sein) alle Geschlechter des Erdbodens -- und in deinem Samen. (Gen 28,14; MT)

Es ist alles da: Jakob, der Staub, die Vierzahl – wenn man noch dazunimmt, dass Bileam nach Num 22,41 nur „den Rand des Volkes“ (קצה העם) – also eine Seite des Lagers – sehen konnte, dann ist der Satz keinesfalls absurd, sondern passt perfekt in den Kontext des Buches.

Und doch

Das Ringen um die Auslegung dieses Verses findet seinen Niederschlag in den ältesten Übersetzungen. Zuerst ein Blick in die Septuaginta-Fassung von Num 23,10:

τίς ἐξηκριβάσατο τὸ σπέρμα Ιακωβ,
καὶ τίς ἐξαριθμήσεται δήμους Ισραηλ;
ἀποθάνοι ἡ ψυχή μου ἐν ψυχαῖς δικαίων,
καὶ γένοιτο τὸ σπέρμα μου ὡς τὸ σπέρμα τούτων.

Wer kannte genau den Samen Jakobs,
und wer wird die Bevölkerung Israels berechnen?
Möge meine Seele unter den Seelen der Gerechten sterben,
und möge mein Samen [zahlreich] wie deren Samen werden.

Schon Emanuel Hecht erkannte 1858, dass die LXX ומי ספר anstelle von ומספר las.5 Das Viertel Israels wird mit einem griechischen Strukturbegriff (δῆμος) wiedergegeben. Im Buch Numeri kommt dieser Begriff ganze 151 Mal in 91 Versen vor, nämlich immer dann, wenn es um die Zählung des Volkes geht.

Septuaginta
Verteilung des Vorkommens von dēmos in der LXX

Trotzdem bleibt diese Übersetzung für mich eher nicht leicht nachvollziehbar.

Ich werfe nochmal einen Blick in die Vulgata. Sie liest Num 23,10 so:

quis dinumerare possit pulverem Iacob et nosse numerum stirpis Israhel | moriatur anima mea morte iustorum | et fiant novissima mea horum similia

Wer könnte den Staub/Sand Jakobs berechnen und die Zahl der Nachkommenschaft Israels gekannt haben? Möge meine Seele mit dem Tod der Gerechten sterben und möge mein letztes Ende gleich dem ihren eintreten.

Hieronymus (ca. 348 - 420) liegt damit – wieder einmal – auf der Linie einer traditionellen rabbinischen Auslegung, für die er ein früher Zeuge ist. Sie kommt schön in dieser Deutung des R. Josef ben Jitzchaq (gen. Bekhor Schor, 1130 – 1200) zum Ausdruck:

ומספר רובע. מי מנה [יש לפרש רובע לשון רביעה כלו' זרע הראוי לצאת מהם] כמו שפיר' רבותי' הק' מונה אפי' רביעיותיהם של ישראל [ויש לפרש רובע לשון רביעית לפי שראה ישראל שוכנים לארבע דגלים אמר אפי' הרביעית אין אדם יכול לספור׃


Die Anzahl des rōvaʿ Wer hat [das] berechnet? [Erste Deutung:] rōvaʿ muss im Sinne von revi'ah (=Begattung) gedeutet werden, einschließlich der Nachkommenschaft [w. des Samens], die aus ihnen hervorzugehen bestimmt ist. So wie unsere Heiligen Lehrer erklärte haben: Sogar ihre Begattungen, [nämlich] die von Israel [werden gezählt]. [Zweite Deutung:] rōvaʿ muss im Sinne von revi'it (=ein Viertel) gedeutet werden, weil er [=Bileam] Israel sah, wie sie nach vier Fahnen gelagert waren. Er meinte: Es gibt nicht einmal einen Menschen, der ein Viertel [dieses Volkes] gezählt haben könnte. (Quelle: sefaria.org)

Was Bekhor Shor hier als als Deutung „der Heiligen Lehrer“ zitiert, findet sich in bNid 31A:

  1. Abahu trug vor: Es heisst: Wer zählt den Staub Jâqobs, misst die Lagerstätte Jisraels. Dies lehrt, dass der Heilige, gebenedeiet sei er, dasitzt und die Lagerstätten Jisraels zählt, [indem er spricht:] Wann endlich kommt der Samentropfen, aus dem der Fromme geschaffen wird? (Ü: Lazarus Goldschmidt)

Vor ihm hatte schon Saʿadia ben Yosef Gaon (Arab.: Said bin Yusuf al-Fayyumi; 892–942) diese Deutung vorgetragen, die sich bereits in der Vulgata befindet. In seinem Tafsir schrieb er:

יא מן יעד נסל יעקוב ויחצי ד̇ריה אסראיל אסאלך אן תמות נפסי מות אלמסתקימין ותכון אכ̇רתי מת̇להם׃


Das ist Arabisch in hebräischen Buchstaben:

مَنْ يَعُدّ نَسْلَ يَعْقُوب وَيُحْصِي ذُرِّيَّة إِسْرَائِيل، أَسْأَلُك أَنْ تَمُوتَ نَفْسِي مَوْتَ المُسْتَقِيمِين وَتَكُون آخِرَتِي مِثْلَهُم

und bedeutet:

Wer kann die Nachkommenschaft Jakobs zählen, und wer kann die Nachkommenschaft Israels erfassen? Ich bitte dich, dass meine Seele den Tod der Aufrechten sterbe und mein Ende wie das ihre sei.

Zum Abschluss

Für mich enthält dieser kurze Abschnitt aus Bileams Prophetie eine wesentliche Aussage: Wie groß Israel ist – worin seine Bedeutung liegt – lässt sich nicht einmal zu einem Viertel erkennen. Da ist immer noch mehr …

Und zweitens: Für mich persönlich enttäuschend ist die Wiedergabe dieses Verses in der Einheitsübersetzung: die „Zehntausenden Israels“ sind eine unnötige Emendation des 19. Jahrhunderts – und die Leser oder Hörer dieses Textes bekommen in dieser Aufgabe keinen Hinweis auf diesen Eingriff und damit keine Chance, ihn zu überprüfen.


1

„It is strange that it has not occured to anyone to ask himself why such an absurd question should be posed.“ (Alfred Guillaume: Note on Numbers XXIII 10; in: VT 1962 Band 12 Fasc. 3, S. 336)

2

Der schon zitierte Alfred Guillaume las seinerseits im Samaritanus marbaʿ, was er mit Lager (im Original encampement) übersetzte. (ebenda)

3

Mir ist dabei eine Ungenauigkeit des Comprehensiv Aramaic Lexikon aufgefallen, das behauptet, Tal habe מרבעת als Staub (engl. dust) übersetzt. Der gibt es aber auf S. 812 seines Lexikons mit Pulver (eng. powder) wieder.

4

In ihrem bemerkenswerten Buch: In the Wilderness. The Doctrine of Defilement in the Book of Numbers,(2001) Oxford University Press

5

Harold Louis Ginzberg war 1931 sogar der Meinung, diese LA „is now read by all scholars“ (ZAW 51, S. 309)