Ein bekanntes Wortspiel aus dem zweiten Kapitel der Genesis beschäftigte die Ausleger schon seit der Antike, und fand auch die Aufmerksamkeit von Nikolaus von Lyra:
ויאמר ה͏אדם זאת הפעם עצם מעצמי ובשׂר מבשׂרי לזאת יקרא אשׁה כי מאישׁ לקחה־זאת׃
⁶ „Da sprach der Mensch: Diese ist einmal Gebein von meinem Gebein und Fleisch von meinem Fleisch, diese wird ischah (=Frau) gerufen, denn vom isch (=Mann) ist diese genommen. (Gen 2,23)
Martin Luther versuchte, dieses Wortspiel in die deutsche Sprache zu übertragen, wenn er übersetzte:
Man wirt sie Mennin heyssen, darumb, das sie vom Mann genommen ist.
Die Inspiration dazu fand Luther bei Nikolaus von Lyra, der sich kritisch mit der Übertragung des Hieronymus auseinander gesetzt hatte. Der lateinische Kirchenvater hatte es mit der Kombination von virago und vir versucht. Lyra schrieb dazu1:
ista est locutio impropria. quia virago non significat mulierem de viro sumptam vel deriuatam: sed magis mulierem viriliter agentem. et ideo magis proprie diceretur vira: si sermo latinus pateretur. Ista autem deriuatio magis apparet in hebreo: ubi dicitur issa. id est mulier: quod nomen derivatur ab is. quod significat virum.Das ist eine unpassende Redeweise, weil virago nicht eine Frau bezeichnet, die von einem Mann genommen oder abgeleitet wurde, sondern mehr eine Frau, die mannhaft handelt. Und deshalb sollte sie passender vira genannt werden, wenn es die lateinische Sprache dulden würde. Aber diese Ableitung zeigt sich eher im Hebräischen, wo sie ischa genannt wird, das bedeutet „Frau“. Dieser Namen wird von isch abgleitet, was „Mann“ bedeutet.
Nach dem virago „Heldenjungfrau“ bedeutet, ist sie für die Nachahmung des Wortspiels nicht geeignet, besser wäre also vira, was sich zum lateinische vir (=Mann) verhält, wie Luthers Männin zum Mann: beide Worte existieren in den jeweiligen Sprachen aber nicht.
Durch Abraham Geiger2 bin ich auf diese Passage aus Bereschit Rabba XVIII aufmerksam geworden:
מכאן שנברא העולם בלה"ק שמעת מימיך אומר גני גינוא אנתרופי אנתרופיא גברא גברתא, אלא איש ואשה למה שהלשון הזה נופל על חלשון הזה׃
Von hier kommt es, dass die Welt in der heiligen Sprache (בלשון הקודש) geschaffen wurde – hast Du einmal in deinem Leben gehört, dass gesagt wird: guni, gunia, antropi, antropia, gavra, gavreta? Aber isch und ischah – warum [werden sie verwendet]? Weil der eine Ausdruck ein Abwandlung des anderen Ausdrucks ist.
Samuel Krauss erklärte3 die Worte guni und gunia: Das erste ist das griechische Wort γυνή = „Frau“ und das zweite ist der Versuch, das hebräische Wortspiel von isch und ischa im Griechischen nachzubilden, „zum Beweis, dass dieses Wort nicht gebildet werden kann“. Antropi und antropia sind dann natürlich ἄνθρωπος = „Mensch“ und dessen nicht existierende weibliche Form ἀνθρώπη 4. Gavra und gavreta spielen das gleiche Muster auf Aramäisch durch: Gavra ist der „Mann“, gavreta wäre dann die „Männin“, die es in dieser Sprache aber auch nicht gibt.5
Kennt jemand eine Sprache, in der die Übertragung dieses Wortspiels müheloser gelingt?
Zitiert nach der Koberger-Ausgabe
Zitiert in den nachgelassenen Schriften II,44
Samuel Krauss: Griechische und Lateinische Lehnwörter im Talmud, Midrasch und Targum, Teil II. (1899), S. 168
Krauss S. 76 a.a.o.
Zur Übersetzung von שהלשון הזה נופל על חלשון הזה siehe Jastrow S. 720.